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Sep 26

Ja und Nein auf Japanisch

NEINIch habe in Japan ein paar sehr amüsante Szenen erlebt, als bei derselben netten Gastfamilie, bei der ich übernachtet habe, ein Amerikaner zu Besuch war. Dieser nette junge Mann hatte gerade erst angefangen, Japanisch zu lernen und war schon in der Lage, einfache Sätze zu sagen und kurze Fragen zu beantworten. Trotzdem gab es bei der Kommunikation Probleme, was mich zum Schmunzeln gebracht hat, weil ich beide Seiten gut verstehen konnte.

Stark vereinfacht bestand das Hauptproblem in der Diskrepanz zwischen der direkten amerikanischen und der indirekten japanischen Art.

Ein Beispiel?

Frage von der Gastmutter: 大阪城に行きますか?
Antwort: いいえ。

Wörtlich übersetzt heißt die Frage „Gehst du zum Osaka Castle?“ und die Antwort „Nein.“

Man kann es aber auch interpretieren: „Hast du Lust, irgendwann einmal zum Osaka Castle zu gehen?“ oder sogar „Hast du Lust, zusammen zum Osaka Castle zu gehen?“ – je nachdem, was vorher in dem Gespräch schon gesagt wurde. In diesem Fall war tatsächlich gemeint: „Ich habe heute ein bisschen Zeit, und den Kindern würde es auch Spaß machen. Hast du nicht Lust, dass wir zusammen einen schönen Ausflug machen, zum Beispiel zum Schloss?“

Bei dieser Interpretation ist ja auch klar, dass die Gastmutter sich durch das harsche „Nein“ vor den Kopf gestoßen fühlte und etwas verwirrt war. Das „harsche“ Nein war aber nur die einsilbige Antwort auf die Frage, wie der Amerikaner sie verstanden hatte, nämlich: „Hast du fest eingeplant, heute zum Schloss zu gehen?“. Solche und ähnliche Szenen gab es mehrmals pro Tag. Sicher lag es auch teilweise an seinem Charakter – er war vielleicht etwas kurzangebunden – aber teilweise war es sicher auch die Kultur. Jedenfalls antwortete er auf die meisten Fragen entweder mit はい (Ja) (womit die Japaner meist keine Zustimmung ausdrücken, sondern lediglich signalisieren, dass sie zuhören) oder mit いいえ (Nein) – was für Japaner nicht nur erschreckend unhöflich, sondern oft auch völlig unverständlich ist.

Es lag an mir, zwischen Gast und Gastmutter zu mitteln, indem ich der Gastmutter gesagt habe, dass er bestimmt nicht unhöflich sein will und es auch nicht böse meint, wenn er eiskalt いいえsagt, sondern vielleicht damit ausdrücken möchte, dass er an diesem Tag bisher noch nicht geplant hatte, das Schloss zu besichtigen, aber generell bestimmt offen für schöne Sachen ist – und vielleicht auch die Frage nicht richtig verstanden hat. Ihm habe ich schonend erklärt, dass die Japaner vor allem いいえ(Nein) eigentlich kaum benutzen und schon gar nicht im Alleingang – ob es nun in seinem Wörterbuch unter „Nein“ eingetragen ist oder nicht. Mal davon abgesehen, dass er wahrscheinlich mit Ja geantwortet hätte, wenn er die Frage richtig verstanden hätte…

Ja, und was antwortet man sonst so auf Fragen, wenn Ja und Nein nichts taugt?

Ganz einfach, man antwortet mit einem Satz – zum Beispiel, indem man einen Teil der Frage wiederholt!

Frage: 今日なにをするつもりですか?大阪城に行きますか?(Was hast du heute vor? Gehst du zum Schloss?)
Antwort: 行きます。(Ich gehe.)
oder: 行きません。(Ich gehe nicht.) -> Immer noch besser als „Nein.“
oder: 今日は博物館に行くと思います。(Ich denke, ich gehe heute ins Museum.) -> Läuft auf ein Nein hinaus, ohne Nein sagen zu müssen.
oder: 大阪城はもう見ましたし、今日は他のところに行くつもりです。(Das Schloss habe ich schon gesehen, heute habe ich vor, woanders hinzugehen.)
oder auch: まだ決めていません。(Ich habe mich noch nicht entschieden.)

Das gilt auch für Fragen in der Vergangenheit:

Frage: もう大阪城に行きましたか?(Bist du schon zum Schloss gegangen?)
Antwort: うん。昨日行きましたよ。(Ja, ich war gestern dort.)
oder (statt Nein): まだ行っていないんです。(Ich war noch nicht dort.)
oder auch: 今度行きたいと思います。(Ich denke, ich würde gerne mal hingehen.) -> Heißt im Prinzip auch „Nein, ich war noch nicht dort.“

Oder auf eine Frage, die etwas unterstellt, was nicht stimmt:

Frage: もう大阪城を見に行きましたね?(Du warst doch heute auf dem Schloss, oder?) -> zum Beispiel, wenn man morgens noch gesagt hat, man hat vor, das Schloss zu besichtigen, sich dann aber anders entschieden hat.)
Antwort: 違います。(今日は博物館に行きました。)(wörtlich: „Es ist anders. (Ich war heute im Museum.)“)

So unterhält man sich in Japan. Kein Wunder also, dass jemand, der solch eine angenehme Kommunikation gewöhnt ist, zusammenzuckt, wenn er als Antwort auf eine höfliche Frage nur ein grobes „Nein!“ zurückbekommt.