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Jan 08

Übernachten im Zen-Tempel – Weisheit zum Frühstück

P1020360-smIn der Nähe von Oita gibt es einen Zen-Tempel, wo man übernachten kann. Ich war neugierig und habe mich auf die Erfahrung eingelassen. Drei Nächte bleibe ich hier.

Es ist ein Tempelgelände auf dem Land in der Nähe von Oita. Es besteht aus einem großen Haus mit einem Tempelbereich und einem Wohnbereich. Hier wohnt der Mönch Jiho mit seiner 94-jährigen Mutter, die von allen Okaasan („Mutter“) genannt wird und für ihr Alter erstaunlich rüstig ist. Außer mir sind noch zwei andere Gäste da, Rok aus Slowenien und Joe von airbnb.

Es ist gerade kurz vor zehn Uhr morgens, und mir knurrt ein bisschen der Magen. Einer der vielen Leitsätze von Jiho-san (der sich beharrlich weigert, mit mir Japanisch zu sprechen) ist „Breakfast is poison“, und deshalb ist die erste Mahlzeit des Tages das Mittagessen um 12 Uhr.

P1020356-smWir haben uns um halb sechs Uhr morgens in der Tempelhalle eingefunden, wo Jiho etwa eine halbe Stunde lang gechantet hat. Das heißt, er hat buddhistische Verse aufgesagt. Außer uns „Gästen“, die nur zuhören konnten, sind auch drei Frauen aus dem Dorf gekommen und haben mitgemacht. Dann haben wir alle etwa eineinhalb Stunden lang im Lotussitz (oder in meinem Fall etwas, was dem optisch am nächsten kam) meditiert. Naja, richtig meditiert haben wohl Jiho-san und die Dorffrauen. Das was in meinem Kopf alles passiert ist, geht wohl kaum als Meditation durch…

Nach dem Meditieren gab es eine Tasse Tee, den die Dorffrauen in Jiho-sans Küche zubereitet haben, und danach ging es an die Arbeit. „Ein Tag ohne Arbeit ist ein Tag ohne Essen“, ist einer der Leitsätze aus Jiho-sans Zen-Schule, und daher gehört das Arbeiten zur kulturellen Erfahrung dazu. Ist aber mehr symbolisch, etwa eine halbe bis eine Stunde am Tag. Gestern haben wir einen Teil des Tempelgartens von Gras und Unkraut befreit, und heute ist anscheinend in der Oita-Präfektur allgemeiner Putz- und Aufräumtag in Vorbereitung für das O-Bon-Fest, das Mitte August stattfindet. Wir sind also zu viert mit Plastiktüten bewaffnet einmal um das Tempelgelände und die umliegenden Straßen gezogen und haben Müll aufgesammelt. Da die Japaner sehr sauber sind, war nicht wirklich viel zu tun.

fundamentally-smAb Viertel nach elf kann ich beim Kochen helfen, und Jiho-san wird wieder in seinem lustigen Englisch sagen „Enjoy hungry“.

Es ist sehr ländlich hier. Kaum Häuser, vor allem alte Leute, der Bahnhof zehn Minuten mit dem Auto entfernt, der wunderschöne Strand, wo ich gestern schwimmen war, fast menschenleer. Den ganzen Tag bis in die Nacht hinein zirpen die Zikaden, Libellen fliegen umher, Mini-Geckos lassen sich beim Fliegenfangen beobachten, überall laufen kleine Krebse herum und Jiho-san hat uns Gäste bisher jeden Tag ins nahe Onsen mitgenommen.

 

Von meinem Aufenthalt hier in diesem Zen-Tempel nehme ich mir einen Merksatz mit nach Hause, der sehr simpel klingt, mich aber sehr beeindruckt hat:

„暑い時、暑さを楽しめる、寒い時、寒さを楽しめる。“

„Wenn es heiß ist, genieße die Hitze, und wenn es kalt ist, genieße die Kälte.“

(Lässt sich gedanklich beliebig erweitern.)

Vielleicht ist das ja der Schlüssel zum Glück?

Wer auch hier übernachten möchte, findet diese schöne Unterkunft auf Airbnb: Cultural Exchange at Zen Temple